84. Dauernd unterwegs – oder: Ein Leben auf Gleis 3
Wenn ich heute so zurückdenke, komme ich zu einem erstaunlichen Ergebnis: Ich war eigentlich schon immer unterwegs. Kaum auf der Welt, ging es los.
Geboren in Ulm, kurz darauf mit meiner Mutter nach Potsdam verzogen, dann kurz vor Kriegsende wieder zurück nach Ulm ins Elternhaus. Mein Leben begann also gewissermaßen als Pendlerkarriere – nur ohne Bahncard.
Richtig Fahrt nahm alles auf, als ich mit zwölf Jahren ins Internat nach Oettingen kam. Von da an hieß es: Koffer packen, umsteigen, Anschluss erwischen – oder auch nicht. In den Ferien durfte ich zu meinen Verwandten nach Neu-Ulm oder Ulm reisen. Jedes zweite Wochenende war Heimfahrt. Wobei „Heim“ relativ war, denn nach Ulm ging es nicht – wir hatten ja samstags noch bis 12 Uhr Schule. Manchmal konnte ich mit meinem damals besten Freund mit nach Hause in Führnheim fahren.
Als kleiner Steppke war ich bei diesen Fahrten meist allein unterwegs. Mindestens zweimal umsteigen – Günzburg, Donauwörth, manchmal Aalen. Den Fahrplan konnte ich anfangs nicht wirklich lesen. Also behalf ich mir mit einer eigenen Methode. Stand dort 14.15 Uhr, fragte ich vorsichtshalber den Schaffner:
„Das ist Viertel nach zwei, oder?“
Wenn er nickte, war die Welt wieder in Ordnung.
Ich fuhr oft im Bummelzug mit Holzbänken, gezogen von einer dampfenden Lokomotive, die sich anhörte, als würde sie jeden Moment in Rente gehen. Mir gegenüber saß einmal ein älterer Herr mit abgetragenem Anzug und schweren Stiefeln. Er schwankte stoisch im Takt der Schienen und starrte vor sich hin, als hätte er die Welt längst durchschaut. Ich hingegen war überzeugt, er sei mindestens ein verkleideter Räuberhauptmann. Angst hatte ich jedenfalls genug für uns beide.
In Donauwörth sprang der Mann plötzlich aus dem Zug, rannte zum Kiosk und kaufte sich eine Flasche Bier. Die verschwand in Rekordzeit. Dann noch eine. Ich überlegte ernsthaft, ob ich die restliche Fahrt im Gepäcknetz verbringen sollte.
Und dann – Rettung!
„Hallo Jürgen, wie geht’s?“
Wolfgang aus Augsburg, mein Klassenkamerad! Mit ihm kamen weitere Internatskollegen. Schlagartig wurde das Abteil lebendig. Jeder erzählte lauter als der andere von seinen Ferienabenteuern. Wir teilten Brote und Äpfel, und meine Räuberphantasien lösten sich langsam in Luft auf.
Der unheimliche Mitfahrer kam zurück, schob einen Mitschüler von „seinem“ Platz und brummte uns an. Wir zogen weiter – Internatsschüler sind schließlich flexibel.
In Nördlingen hatten wir eine Stunde Aufenthalt. Die Älteren riefen begeistert:
„Wir gehen einen trinken in die Bahnhofwirtschaft!“
Wolfgang und ich natürlich hinterher – man wollte ja dazugehören.
Drinnen erwartete uns dichter Zigarettenqualm, lautes Stimmengewirr und – natürlich – mein geheimnisvoller Mitfahrer mitten unter den Zechern. Ich bestellte mir ein Bier. Dummerweise war Starkbierzeit. Eine Halbe reichte vollkommen, um mich gleichzeitig fröhlich und schläfrig zu machen. Andere bewiesen mehr „Standfestigkeit“ – zumindest dachten sie das.
Kurz vor Abfahrt erreichten wir unser Abteil leicht schwankend, aber pünktlich. Spätabends kamen wir schließlich in Oettingen an.
Am verlassenen Bahnhof stand schon unser Hausmeister, Herr Batz, mit seinem schweren Handwagen. Er sammelte uns ein wie verlorene Pakete und brachte uns sicher durch das verschlafene Städtchen zurück ins Internat. Wahrscheinlich wusste er genau, wer in der Bahnhofwirtschaft gewesen war – aber er sagte nichts. Wahre Größe zeigt sich eben im Schweigen. Für seine Hilfe bekam er immer wieder Zigaretten zugesteckt.
So begann mein Leben als Dauerreisender – mit Holzbänken, Starkbier und leichtem Herzklopfen.
Von meinen späteren Abenteuern als Erwachsener erzähle ich dann beim nächsten Mal. Denn unterwegs war ich noch lange nicht am Ziel.